Gibt es den 'Migranten an sich' ?
Ein Portrait
Der Auftrag: Ein „klassisches“ Portrait eines Migranten oder einer Migrantin zu schreiben.
Doch so leicht lassen sich auch Migranten nicht über einen Kamm scheren. Zwischen Edmund Stoiber, Gregor Gysi und Joschka Fischer besteht ja irgendwie auch ein Unterschied, obwohl sie alle deutsch sind.
Also: Abstand nehmen von diesem Einheitsdenken.
Dennoch ist es für Deutsche sehr interessant, einmal einen Einblick in eine durch Migration geprägte Lebensgeschichte zu erhalten. Wohlgemerkt, es ist nur eine Geschichte unter vielen:
Vor sechzehn Jahren zog eine schwangere junge Türkin mit ihrer Tochter zu ihrem Mann nach Deutschland, der als Gastarbeiter eine Anstellung bei einem großen Kölner Autohersteller hat. Die erste Wohnung klein, schlecht möbliert und mit Toilette auf dem Gang entsprach nicht ganz den Erwartungen. Doch die Verkehrsordnung, Arbeitsbedingungen und das soziale Netz beeindruckten sie schon vom ersten Moment an. Heutzutage auch durch ihre zwei Kinder, die in Deutschland groß geworden sind, hat Kibar Bektas einen guten Einblick in die Gesellschaft und Kultur. Sie weiß ganz genau, was zu ändern ist, was nicht und was Integration für sie ausmacht.
Getrost dem Motto „Jeder Jeck ist anders“ vertritt Kibar Bektas sehr liberale Ansichten. Unterschiedliche Mentalitäten und Kulturen müssen sich gegenseitig akzeptieren. Wenn dann eine Zusammenarbeit stattfinden würde, könnten gemeinsam Probleme gelöst und der Integrationsprozess vorangetrieben werden. Um sich integrieren zu können „muss man zuerst die Sprache lernen“, findet Frau Bektas und der Sprachkurs war ihre ersten Station in Köln. Dort machte sie auch ersten deutschen Bekanntschaften, auch wenn sie die „Deutschen im Allgemeinen“ eher als kaltes und distanziertes Volk empfindet. Nicht nur dort lernte sie Deutsche kennen. Ein "guter Kontakt" besteht auch zu ihren Nachbarn, an die sie Suppe und Süßigkeiten zum traditionellen Fest der zwölf Imame verteilt.
Ein gutes Gefühl, aber auch Sorgen
Gute Gefühle verbindet sie in Deutschland mit der „Freiheit“ und „Sicherheit“. Jeder Mensch ist gleich vor dem Gesetz. Kibar Bektas sagt, in der Türkei sei das anders, dort würden eigene Gesetze der Familien das Zusammenleben stärker mitbestimmen. Sowohl die Religion als auch das Militär hätten zu viel Einfluss auf die Politik.
Sorge bereitet ihr in Deutschland heute hauptsächlich das Schulsystem. Als Mutter eines Sohnes, der die Hauptschule besucht, meint sie: „Es mangelt einfach an einer guten Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern. Viele Migranten, die nicht so gute Deutschkenntnisse haben, haben Angst die Lehrer direkt anzusprechen. Es fehlt auch an Zeit und Verständnis der Lehrkräfte. Sozialarbeiter oder Schulpsychologen sind erforderlich, damit Lehrer den verschiedenen Problemen der Schüler gerecht werden können.“
Zurück in die Türkei möchte Kibar Bektas nicht mehr ziehen. Schon nach einem Monat, den sie bei ihrer Tochter in Istanbul verbringt, vermisst sie ihre Wohnung und ihr Leben in Köln.
So kann es, so muss es nicht sein. Schön wäre es jedoch, wenn sich alle ein Beispiel nehmen würden und offen, tolerant nach gemeinsamen Lösungen von Problemen streben würden.




