NEWS - Freitag, 06.01.2012
Der Aktionstag zu den Menschenrechten und Millenniumentwicklungszielen im Allerweltshaus war ein voller Erfolg
Das Allerweltshaus, das interkulturelle Begegnungszentrum in Köln-Ehrenfeld, kann auf ein erfolgreiches Jahr 2011 zurückblicken. Im Haus fanden viele Diskussionsrunden, Vorträge, Lesungen, Aufführungen und weitere Veranstaltungen zu aktuellen politischen Themen auf der ganzen Welt, zu Menschenrechtsfragen, zu entwicklungspolitischen Fragen oder zu Folgen der Globalisierung statt.
Ein großes Highlight im Allerweltshaus zum Abschluss des Jahres 2011 war der Aktionstag am 10. Dezember, dem internationalen Tag der der Menschenrechte. Das vielfältige und bunte Programm für Jung und Alt bot viele Informationen und Anregungen um sich mit den Millenniumsentwicklungszielen (MDGs), den Aspekten der weltweiten Armutsbekämpfung und der Achtung der Menschenrechte auseinanderzusetzen. Bei guter Stimmung ging es mal laut, mal leise und mal aktionsreich, mal nachdenklich zu. In entspannter Atmosphäre wurden alte Bekannte wiedergetroffen, fremde Menschen näher kennen gelernt, gemeinsam über globale Themen diskutiert und über neugewonnene Informationen reflektiert.
Podiumsdiskussion zu den Millenniumentwicklungszielen sehr informaitv
Um den Gästen im Allerweltshaus die Thematik der Millenniumentwicklungsziele näher zu bringen, diskutierten unter der Fragestellung „Sind die Millenniumentwicklungsziele bis 2015 zu erreichen?“ Stefan Rostock von Germanwatch, Frieder Wolf von der Stadt Köln und Sophie Hennis von Köln Global über die Umsetzung und Bedeutung der MDGs. Stefan Kreutzberger, freier Journalist und Autor, der die Diskussion moderierte, gab zunächst einen Überblick über die Zielformulierungen, die die Verteidigung der Menschenrechte fest im Blick haben. Die MDGs wurden im September 2000 von 189 Staaten der Vereinten Nationen für das Jahr 2015 festgesetzt und formulieren einen konkreten Fahrplan zur weltweiten Reduzierung von Armut, Hunger und Unterentwicklung. Die Erreichung der Ziele stellt eine zentrale Forderung der heutigen Entwicklungspolitik dar. Zu den 8 Zielen sind konkrete Zahlen definiert, was wann erreicht werden soll. Es soll beispielsweise die extreme Armut in der Welt um die Hälfte reduziert werden, Primarschulbildung für alle sichergestellt werden, eine Gleichstellung der Geschlechter umgesetzt werden, die Kindersterblichkeit um zwei Drittel gesenkt und die Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit erfüllt sein. Die Industrienationen haben sich außerdem dazu verpflichtet 0,7 % des BIPs für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben; dieses aber noch längst nicht umgesetzt.
Fest steht, dass die Forderungen der UN sehr ehrgeizig sind und vollständig bis 2015 nicht erreicht werden können. Allerdings hat allein die Formulierung dieser Ziele viele Menschen in der Bevölkerung und in der kommunalen Politik für die Menschenrecht sensibilisiert und mobilisiert. Woran liegt es jedoch, dass die gesteckten Ziele bisher nicht erreicht worden sind? Diese Frage wurde kontrovers diskutiert. Die Podiumsteilnehmer_innen bilanzierten zunächst den Status Quo der MDGs anhand einiger Praxisbeispiele und problematisierten im nächsten Schritt Widersprüche zwischen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung einerseits und sozialer Gerechtigkeit, sowie ökologischer Nachhaltigkeit andererseits. Gerade in Zeiten der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, so eine Stimme aus der Diskussionsrunde, liege die nicht Erreichbarkeit der Ziele wohl kaum am Geld, wenn man feststelle, wieviel Geld vorhanden sei, das ja eigentlich nicht da sei, wenn man versucht das aus dem Ruder gelaufene Finanzsystem zu retten. Es liege an den Prioritäten, die offenbar anders gesetzt werden, als was die UN sich vorgenommen hat. Schreitet die ungerechte Verteilung von Gütern, Armut, Hunger und der Klimawandel mit all seinen verhängnisvollen Folgen, besonders für die ohnehin schon Armen weiter fort, wenn die Industrienationen und die Schwellenländer unter einem kapitalistischen Wachstumsmodell mit ungerechter Verteilung, Finanzspekulationen, Überproduktionen weiterhin so wirtschaften, wie sie es tun? Die Ziele mit Ihren Indikatoren, wie das Bruttoinlandsprodukt, müssten unter Gesichtspunkten eines alternativen, nicht wachstumsorientierten Wirtschaftsmodell, wie GreenEconomy mit der Idee der nachhaltige Nutzung unserer Ressourcen und alternativen Lebensformen überholt werden. Das so wichtige Thema „Nachhaltigkeit“ sei nur eine Randbedingung und keine Vorbedingung in den MDGs, so ein Wortbeitrag. Unter dem Namen Sustainable Development Goals wird ein neuer Versuch gestartet, den Bedürfnisse unserer und der kommenden Generationen mit einer nachhaltigen Nutzung unserer Ressourcen unter dem gerechten Zusammenspiel von wirtschaftlichen-, sozialen- und Umweltfaktoren, gerecht zu werden. Ein ermutigendes Beispiel sei Bolivien, das in seine Verfassung das Recht auf ein gutes Leben „Buen Vivir“ integriert hat, wie angemerkt wurde. In wie weit diese ehrgeizigen Forderungen und Formulierungen auf ein großes Umdenken und somit ein Erreichen der Ziele möglicher wäre, muss man abwarten. Fest steht allerdings, dass die Verantwortungsdeligation ein Ende haben muss und dass jede_r Bürger_inn sich bewusst machen sollte, dass er/sie eine große Verantwortung durch das eigenes Konsum- und Einkaufsverhalten hat.
Im Zentrum des Tages stand auch die Ausstellungen „Allee der Entwicklungsziele“ und „Recht auf Nahrung - ein einklagbares Menschenrecht“ über die Vertriebenen von Mubende in Uganda.
Bekämpfung von Hunger und Armut als eines der wichtigsten Ziele
Eines der wichtigsten Ziele in den MDGs, die weltweite Bekämpfung der Armut und des Hungers und somit die Verteidigung des Menschenrechts auf Nahrung, griff Stefan Kreuzberger bei seiner Buchvorstellung „Die Essensvernichter“ auf: Obwohl doch alle ein Recht auf gleiche Chance und Lebensweise haben, leiden 1,2 Milliarden Menschen auf der Welt unter extremen Hunger und nochmals fast 1 Milliarde Menschen sind unterernährt. Hunger ist die häufigste Todesursache auf unserem Planeten, als Folge von Kriegen, Raubbau, Überproduktion, geplanter Verschwendung und Preisspekulationen. Wie kann das sein, obwohl die globale Ernte, in Kalorien ausgedrückt, ein Drittel mehr als zur energetischen Versorgung aller Menschen notwenig wäre, aufbringt? Über die Hälfte der Weltproduktion an Reis, Weizen und Mais wird an Tiere verfüttert, zu Agrarsprit raffiniert oder verbrannt und als Biomasse zur Stromerzeugung genutzt, wie der Autor in seinem Film aufzeigt.
Im Anschluss an die Buchvorstellung wurde der Film „Taste the Waste“ gezeigt, der die Lebensmittelverschwendung der Industrienationen drastisch aufzeigt. Er zeigt aber auch Lösungen für jede_n Bürger_inn auf, hin zu einem bewussten Konsum, weg vom Gedanken des Überflusses. Ein engagierter Bäcker benutzt zum Beispiel das übergebliebene Brot als Treibstoff zur Energiegewinnung. Auch hier, wie auf der Podiumsdiskussion zu den MDGs, spürt man die Dringlichkeit umzudenken und alternativ zu wirtschaften.
Die Menschenrechte wurden von mehreren Seiten beleuchtet
Aber nicht nur die Millenniumsentwicklungsziele sondern auch die Forderung zur Einhaltung der Menschenrechte wurden auf dem großen Aktionstag, dem Gedenktag zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948 durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet worden ist, formuliert. Die Mitgliedsstaaten der UNO unterzeichneten damals selbst verpflichtend die Menschenrechtscharta, als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal und als wichtigste Grundlage des menschlichen Zusammenlebens. Die formulierten Menschenrechte wurden nachfolgend 1966 im internationalen Pakt über politisches, bürgerliches, wirtschaftliches, kulturelles und soziales Recht und in zahlreichen Menschenrechtskonventionen von der UNO thematisiert. Sie gehen davon aus, dass alle Menschen allein aufgrund ihres Menschseins, jenseits von ihrer nationalen oder sozialen Herkunft, mit gleichen Rechten ausgestattet sind. Die egalitär begründeten Rechte sind universell, unveräußerlich und unteilbar. Als zentraler Begriff der Menschenrechte steht die Würde, Freiheit und der Wert der menschlichen Persönlichkeit. Gleichzeitig steht die Annahme der Universalität der Menschenrechte aber auch immer wieder im Zentrum internationaler Debatten und weltweit kommt es regelmäßig zu Menschenrechtsverletzungen.
Auch Itai Muschekwe, ein zimbabwischer Journalist, wohnhaft in Köln, erklärte in einem sehr interessanten Gespräch zur Meinungs- und Pressefreiheit mit Dr. Karin Clark, dass er sich durch eine Rückkehr nach Zimbabwe in größte Gefahr begeben würde. Obwohl jeder das uneingeschränkte gleiche Recht auf freie Meinungsäußerung hat, wie auch in der African Convention of Human Rights verankert, herrscht zur Zeit keine Pressefreiheit in Simbabwe. Ein mutiger Journalist wie Itai Muschkwe hat keine Chance in seinem Heimatland eine unabhängige Berichterstattung aufrecht zu halten. Die Kontrolle der Presse liegt zu 80 Prozent in den Händen des Geheimdienstes einer korrupten Regierung, die 2008 bei Neuwahlen versprach eine bessere Zukunft aufzubauen und eine Wende einzuleiten, die aber nie Wurzeln fassen konnte. Es wurde ermordetet, gefoltert, oder ins Exil getrieben. Ohne den Druck der Zivilgesellschaft und von mutigen Journalisten ist eine tiefgreifende Veränderung kaum möglich.
Die Kraft der Zivilgesellschaft und die damit verbundene Vision auf ein besseres Leben, spürte man auch bei der Lesung der hausinternen Projektgruppe „Menschenrechte Mexiko“. Im Zuge der weltweiten Bewegung „Ni una muerte mas“ organisierte das Projekt die Lesung „¿Cuántas muertas son muchas? - Wie viele Tote sind viele?“. Es lasen Javier Hernández, Stana LeMer, Constanze mit einer Einführung von Susana Rojas und Musik von Josué Avalos. Sie interpretierten Texten aus Ciudad Juárez, aus der mexikanisch-US-amerikanischen Grenzregion. Texte über das Leben und Sterben in einer Grenzstadt, Macht und Gewalt, Schweigen und Schmerz, aber auch über Widerstand, Glaube und Hoffnung in einer Stadt, die zu den gefährlichsten der Welt gehört. Gewidmet wurde die Lesung der Anfang 2011 ermordeten mexikanischen Menschenrechtlerin und Dichterin Susana Chávez.
Auch die Kleinen setzten sich mit Ihren Rechte auseinander
Es gab nicht nur reichlich Programm für die Großen, sondern auch für die Kleinen. An den vier Stationen des Kinderparcours zu Ernährung, Gesundheit, Bildung und Spiel setzten sich auch die Kleinen in gemütlicher Atmosphäre mit den Kinderrechten und der Verteilung der Nahrung auf der Welt auseinander. Auch die Kleinen entdeckten, dass es „doof ist Tiere zu töten“ und lieber kein Fleisch essen wollen mit einer Ausnahme von Chicken-Nuggets.
Um die vielen gewonnen Eindrücke und Informationen der Veranstaltungen zu reflektieren und zu diskutieren, schuf das Café im Eingangsbereich einen gemütlichen Raum der Begegnung und eine Möglichkeit sich bei Glühwein, Saft und kleinen Snacks auszutauschen. Die Infostände von Amnesty International, Freunde von Ekta Parishad, Peace Brigades International, Äthiopische KUEPRP, die Kolumbiengruppe, kein Mensch ist Illegal und Ingenieuren ohne Grenzen boten eine Gelegenheit sich über die engagierte Arbeit zur Einhaltung der Menschenrechte und Umsetzung der MDGs auf verschiedene Art und Weisen zu informieren, Kontakte zu knüpfen und sich vielleicht auch selbst in Zukunft zu engagieren. Darüber hinaus vermitteln Kurzfilme thematisches Hintergrundwissen zu den Menschenrechten und zu globalen Themen wie Migration und dem Klimawandel. Zum Ausklang des Tages wechselten die Gäste nach der Veranstaltung die Location und feierten den erfolgreichen Tag in der Simrockbar. Die Party wurde von dem hausinternen Projekt „Erinnern und Handeln für die Menschenrechte“ organisiert.
Die Organisatoren_innen aus dem Allerweltshaus freuen sich auf einen sehr informativen, anregenden, unterhaltsamen und nachdenklichen Tag zurückblicken zu können und sind begeistert, wie viele Leute den Weg zum Aktionstag gefunden zu haben.
Autor: S.N.




